Nie wieder Rock & Roll für euch – Die Postcard-Story (II)
Anfang der 1980er-Jahre betrieb Alan Horne die Indie-Plattenfirma Postcard Records vor allem, um die Bands Orange Juice und Josef K zu veröffentlichen. Dabei grenzten sich die Protagonisten des „Sound Of Young Scotland“ musikalisch und ideologisch von gängigen Rock-Klischees ab.
Le rock est mort, le rock est mort
„No more rock & roll for you“ heißt es in „Poor Old Soul Pt. II“ von Orange Juice, und damit wollte man gar nicht unbedingt seine Abneigung gegenüber der Musik der Fünfzigerjahre ausdrücken, denn ihrer bediente man sich ebenso weidlich wie beim Soul der Sechziger, aber immer mit einem Bewusstsein für die eigene Holprigkeit und voller Verachtung für die langweilig gewordenen Rock-Klischees, die mittlerweile zum etablierten Stereotypen mutiert waren und somit ihren antibürgerlichen Ursprüngen entgegen standen. Orange Juice versuchten noch nicht einmal, den Proleten, den Hippie oder den Punk heraushängen zu lassen – aber das Zitieren des bürgerlichen Bildungskanons machte sie auch nicht zu Spießern; Orange Juice kamen von einem anderen Planeten, auf dem man Belesenheit und Wortwitz kombiniert, die nächste Zeile nie vorhersehbar ist und man die musikalischen Versatzstücke schon irgendwie kennt, aber in diesem Klang und dieser Kombination noch nie gehört hat und. Musikalisch heißen die Elemente des Post-Punk von Orange Juice: Rock’n'Roll, Surf, Soul.
Ich bin niemals Manns genug für dich
Zu sagen, Orange Juice besaßen den Mut zur Schwäche, hieße eigentlich schon, sich der Sprache des Feindes zu bedienen, denn Unvollkommenheit ist ja gar keine Schwäche, sondern streng genommen einfach ein Stilregister, das bislang zugunsten leistungsorientierter ästhetischer Strategien ins Hintertreffen geraten war. Und selbstredend war das Spiel mit dem Unvollkommenen etwas, deren Faktoren meisterlich beherrschten. Sie sahen ja nicht von ungefähr anders aus, und es war natürlich auch eine Reaktion auf die dümmlichen Macho-Vorwürfe ihrer Zeitgenossen, wenn sich der Sprecher eines Liedes als „Trostpreis“ bezeichnet und sich selbst hinsichtlich eines solchen Status für unwürdig erachtet, denn, so schließt der Song „Consolation Prize“ (und zwar hymnisch dargeboten): „I’ll never be man enough for you.“