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Stürzen und lachen – Die Postcard-Story (III)

Das Label Postcard Records hat der Nachwelt ein schmales aber unverhältnismäßig einflussreiches Erbe hinterlassen. Dabei hatte es nur eine kurze Lebensdauer, aber dafür einen verantwortungsbewussten Exzentriker zum Chef.

Liebe und Dekonstruktion

Es wäre ein wenig zu einfach, Orange Juice bloß zu den Vertretern einer vergänglichen Strömung zu erklären, denn so sehr sie sich mit Verve gegen die Mauer der Stagnation einst frischer subkultureller Codes warfen, versuchten sie nicht, der alten eine neue, ebenso vergängliche Ästhetik und Ideologie entgegen zu setzen, sondern sie bauten ihre Poetik und ihr Erscheinungsbild gerade aus Versatzstücken vergangener Stile (in gewisser Weise tut man das ohnehin mit jeder Stilentscheidung, aber die Referenzhölle von Orange Juice war ungewöhnlich offensiv) – und anstelle eines ideologischen Programms hielten sich Orange Juice eher an das Gegenteil: die Lücke. Die wunde Stelle, die alle Ideologien irgendwo haben, haben sie auch noch so sehr in Drachenblut gebadet. Postcard kennt keine Helden, auch wenn natürlich einzelne Künstler verehrt werden, doch ist wird es nicht verborgen, dass im Werk stets die Dekonstruktion am Werk ist. Doch trotz dieses Programmes, sei es bewusst angelegt oder einfach der Geist jener Zeit, beschränkten sich Orange Juice nie auf „postmoderne“ Zeichenkaleidoskope, sondern erzählten Geschichten, derer man sich kaum entziehen konnte, da sie einen berührten, in welcher Stimmungslage auch immer.

Insgesamt fünf Singles veröffentlichten Orange Juice auf Postcard zwischen 1980 und 1981. Das Label war in erster Linie zur Verbreitung von Josef K und Orange Juice gegründet worden; die Orange-Juice-Single „Falling and Laughing“ im März 1980 war das erste Release des Independent-Labels, dessen Betreiber Alan Horne für seine Sache brannte und sich ein bisschen wie Andy Warhol fühlte. Was kein Fehler ist, braucht eine Kleinstplattenfirma ohne Vertrieb doch einen besonders leistungsfähigen und aufgemotzten Motor. Es gab abenteuerliche Plattenvertriebsaktionenen mit geborstenen Autoscheiben, einen Besuch bei der BBC, mit dem Ziel, John Peel dazu zu kriegen, Orange Juice zu spielen (das nach langem Nerven erreicht wurde) und Horne schaffte es in kürzester Zeit, Postcard zur Legende zu machen, auf deren Bands sich heute Gruppen wie Franz Ferdinand mehr als deutlich und bekennender Weise beziehen. In den knapp anderthalb Jahren seines Bestehens veröffentlichte Postcard 12 Singles (neben den genannten Gruppen gibt es noch eine 7“ von den australischen Go-Betweens und zwei Singles von Aztec Camera) und ein Album, und machte dann Pleite. Seit den frühen Neunzigern veröffentlicht Alan Horne sporadisch Alben unter dem reaktivierten Imprint. Die Veröffentlichungen der Frühphase erzielen Preise von bis zu 100 britischen Pfund.

Mo, 5. Juli 2010 » Labels

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